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2. Zur Methodologie der Tempomessungen

Nun kann man Tempofragen natürlich nicht nur normativ, sondern auch deskriptiv behandeln. Man kann z. B. fragen, wer was in welchem Tempo spielt, ob und wie sich Tempogestaltung im Laufe der Zeit verändert hat und ob es national- oder kulturspezifische Tempotraditionen gibt. Dank des Computers ist es inzwischen weitaus besser möglich, Tempo und Temposchwankungen zu messen. Allerdings nach wie vor nur halbautomatisch, da bei vollautomatischer Messung die Fehlerhäufigkeit zu hoch ist.

Die am weitesten verbreitete Software für Tempomessungen ist der sogenannte Sonic Visualiser. Mit seiner Hilfe kann man beim Abhören einer Aufnahme durch das Anschlagen einer Computertaste hör- und sichtbare Marker setzen und sie dann bei wiederholtem Hören auf ihre Richtigkeit überprüfen. (  13) Für Tempountersuchungen genügt es – im Unterschied zur Untersuchung von Rhythmik und Agogik –, jeweils die erste Zählzeit eines Taktes zu markieren, wodurch man Auskunft über das mittlere Tempo eines jeden Taktes erhält. Auch gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass eine Tempobestimmung anhand der jeweils ersten Zählzeiten ganz eng mit dem empfundenen mittleren Tempo eines Musikstücks oder einer musikalischen Passage zusammenhängt. (  14) Auf Grundlage der so gewonnenen Werte lassen sich dann Tempografiken erstellen wie beispielsweise die folgende, die den Tempoverlauf im Kopfsatz von Beethovens Klaviersonate op. 2/3 in der Aufnahme von Claudio Arrau aus dem Jahre 1986 zeigt (siehe   Abbildung 1). Auf der x-Achse sind die Takte aufgetragen, auf der y-Achse das Tempo in BPM (›beats per minute‹ = M. M.), und zwar in logarithmischer Darstellung, was einem proportionalen Tempohören entspricht. Die Verbindungslinie zwischen den einzelnen Takten dient nur der besseren Darstellung des Tempoverlaufs von Takt zu Takt, sagt jedoch nichts über den Tempoverlauf innerhalb der einzelnen Takte aus.

Abbildung 1: Tempokurve op. 2/3 Claudio Arrau (1986)



Über die Herstellung von solchen Tempokurven hinaus kann man das Tempo auch über mehrere Takte mitteln, sodass sich beispielsweise sagen lässt, in welchem (mittleren) Tempo ein Pianist dieses oder jenes Thema spielt und in welcher Temporelation es sich zu einem anderen Thema befindet. Man kann Temposchwankungen von Takt zu Takt aus dem Verhältnis aufeinanderfolgender Tempowerte berechnen, gleichfalls mitteln und sagen, ob ein Pianist im Durchschnitt strenger oder freier im Tempo spielt. Es lässt sich die Tempoamplitude – die Relation von schnellsten und langsamsten Werten in einer Aufnahme – bestimmen. Und man kann natürlich auch die reine Spieldauer messen und in einen mittleren Tempowert umrechnen.

Bei der Bestimmung der Tempoamplitude – der Relation von schnellsten zu langsamsten Tempowerten einer Aufnahme – kann man allerdings nicht alle Tempowerte zu Grunde legen, sondern muss bestimmte Takte ausschließen: bei punktuellen extremen Ritardandi, Taktverlängerungen an Abschnittsgrenzen und ähnlichem. Bezöge man sie mit ein, so würden einmalige extreme Verlangsamungen in Interpretationen, die ansonsten streng im Tempo verlaufen, unter Umständen zu einer Tempoamplitude führen, über die sie gar nicht verfügen. Im Einzelfall ist die Entscheidung, welche Takte man ausschließt und welche nicht, gar nicht so einfach und bedeutet in jedem Falle bereits einen Akt der Interpretation. Darüber hinaus werden, um die Bedeutung einzelner Tempospitzen oder Tempotäler auch weiterhin nicht zu überschätzen, am oberen und unteren Ende der Skala jeweils noch einmal 2% der äußersten Tempowerte verworfen.

Was die Temposchwankungen angeht, so diskutieren wir hier jeweils die Werte für Temposchwankungen von Takt zu Takt. Bei der Sonate op. 2/3 haben wir Berechnungen probeweise auch einmal auf der Ebene von Zweitaktgruppen und von Formabschnitten angestellt. Bei den Temposchwankungen von Takt zu Takt handelt es sich nämlich oftmals nicht um Temposchwankungen im eigentlichen Sinne, sondern um Elemente der Phrasenbildung – also um etwas, das man auch als ›Rhythmus im Großen‹ bezeichnen könnte. Ein gutes Beispiel stellen die ersten Takte von op. 2/3 dar (siehe   Abbildung 1). Die stark divergierenden Tempowerte von Takt zu Takt sind weder als Temposchwankungen intendiert, noch nimmt man sie als solche wahr, sie sind lediglich die Folge einer prägnanten zweitaktigen Phrasierung bei minimaler Längung der Pausen im zweiten und vierten Takt.

Waren wir also bestrebt, uns der Kategorie der Temposchwankung auch auf andere Weise zu nähern als nur von Takt zu Takt, so zeigte sich jedoch, dass bei allen Differenzen im Detail signifikante Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Schwankungsformen bestehen. Wer von Takt zu Takt im Tempo stärker schwankt, der tut es in der Regel auch von Zweitaktgruppe zu Zweitaktgruppe sowie von Formabschnitt zu Formabschnitt. Bei der anschließenden Präsentation der Ergebnisse werden wir uns daher mit einer Darstellung der Temposchwankungen von Takt zu Takt begnügen.



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Fußnoten

13. Zur Software Sonic Visualiser siehe die Homepage von CHARM (The AHRC Research Centre for the History and Analysis of Recorded Music), jener englischen Institution, der die computergestützte Interpretationsforschung in den letzten Jahren so viel zu verdanken hat:    http://www.charm.rhul.ac.uk/analysing/p9_0_1.html (zuletzt besucht am 3. Januar 2013). – Eine Software, die es erlaubt, nicht messend, aber hörend verschiedene Aufnahmen miteinander zu vergleichen, indem man an beliebigen Stellen zwischen ihnen hin- und herschalten kann, ist der ›Interpretation-Switcher‹. Ein solcher befindet sich, bestückt mit einer großen Zahl verschiedener Einspielungen von Beethovens Appassionata, im Studio für digitale Sammlungen in der Dauerausstellung des Beethoven-Hauses in Bonn:    http://www.beethoven-haus-bonn.de/sixcms/detail.php?id=&template=portal_de&_sprache=deutsch (zuletzt besucht am 7. Dezember 2013).

14. Vgl. dazu Stefan Weinzierl und Hans-Joachim Maempel,    Zur Erklärbarkeit der Qualitäten musikalischer Interpretationen durch akustische Signalmaße, in:    Gemessene Interpretation, hrsg. von Loesch und Weinzierl (  wie Anm. 1), S. 213–236.