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1. Tempo und Temposchwankungen – Eine kurze Vorüberlegung zur Relevanz der Fragestellung

»Du weißt, wie wenig ich die Streite über Temponahme leiden mag, und wie für mich das innere Maß der Bewegung allein unterscheidet. So klingt das schnellere Allegro eines Kalten immer träger als das langsamere eines Sanguinischen.« (  2) 

Mit diesen skeptischen Worten über Tempofragen leitet Robert Schumann seine Besprechung von Mendelssohns Interpretation der 4. Symphonie Ludwig van Beethovens ein, um dann jedoch in aller Breite auszuführen, warum ihm das Tempo des Scherzos zu langsam schien.

Es lässt sich drehen und wenden wie man will – Tempo ist ein wichtiger Parameter der Musik und der musikalischen Interpretation. Über Beethoven berichtet Anton Schindler, dass seine erste Frage, wann immer eines seiner Werke zur Aufführung gekommen war, lautete: »›Wie waren die Tempi?‹ Alles Andere schien ihm secondärer Art zu seyn.« (  3) Sir George Smart, der Dirigent der englischen Erstaufführungen mehrerer Werke Beethovens, darunter auch der 9. Symphonie, reiste im Sommer 1825 eigens nach Wien, um sich von Beethoven die genauen Tempi zu seinen Symphonien geben zu lassen, freilich um sie, nachdem Beethoven ihm viele der Themen auf dem Klavier vorgespielt hatte, »totally impossible« zu finden. (  4) Mit dem Metronom entstand dann ein Instrument, mithilfe dessen man das Tempo exakt bestimmen konnte, und Beethoven machte bekanntlich regen Gebrauch davon. Ebenso bekannt ist, dass damit ein Streit um die richtigen Tempi bei Beethoven entbrannte, der bis heute anhält, ein Streit, dessen Höhepunkt die Schrift Tempo and Character in Beethoven's Music von Rudolf Kolisch aus den Jahren 1942/43 markieren dürfte. (  5) Der Primarius des Kolisch- und des Pro Arte-Quartetts behauptet darin, dass sich durch Themen- und Charaktervergleich mit den von Beethoven metronomisierten Werken auch in den ohne Metronomangaben überlieferten Stücken zweifelsfrei das richtige Tempo bestimmen ließe. Über diese These geriet Kolisch anlässlich eines Vortrags auf dem Kongress der American Musicological Society 1942 in New York in einen lautstarken Wortwechsel mit Artur Schnabel, der seinerseits zwar die Hammerklaviersonate in Beethovens Metronomisierung eingespielt hatte (siehe dazu ausführlich unten), die These von Kolisch jedoch für überzogen und anmaßend hielt. (  6) 

Von ähnlicher Bedeutung wie das allgemeine Tempo ist die Frage der Temposchwankungen, die Frage von Tempofreiheit und Tempokonstanz. Die berühmte Polemik Richard Wagners gegen das Dirigat Mendelssohns entzündete sich neben den angeblich zu raschen auch an den angeblich zu konstanten Tempi. (  7) Namentlich in lyrischen Partien senke er das Tempo nicht genügend ab. (  8) Umgekehrt gerieten im 20. Jahrhundert Interpretationen mit einer freizügigen Tempogestaltung so sehr in Misskredit, dass ihre Verursacher sogar moralisch verurteilt wurden. Arnold Steinhardt, der Primarius des Guarneri-Quartetts, berichtet über eine Probe des Beethoven'schen Violinkonzerts mit George Szell:

»Als ich mir während des lyrischen g-Moll-Teils in der Durchführung des ersten Satzes mehr Zeit nehmen wollte, wurde George Szell böse und nannte mein Spiel rührselig und die kompositorische Struktur zerstörend; er bestand darauf, daß ich meinen Part in der Aufführung vollkommen im Tempo spiele. Zwar konnte Szell gelegentlich auch sich selbst gehen lassen und Tempi wechseln; aber er dachte wahrscheinlich, ich sei ein furchtbar zügelloser Mensch und bedürfe einer Lektion.« (  9) 

Bemerkenswert an diesem Bericht – so weit er wirklich den Tatsachen entspricht – ist nicht nur der Sachverhalt, dass Szell Steinhardt für Tempofreiheiten moralisch in Haftung nimmt, sondern dass Steinhardt auch umgekehrt mit Szell so verfährt. Steinhardt redet bei Szells Tempofreiheiten gleichfalls von »sich gehen lassen«. Noch rigider in dieser Frage war Svjatoslav Richter. In einem Interview zur Appassionata anlässlich des 200. Geburtstages von Beethoven und des 100. Geburtstages von Lenin in der Sovetskaja muzyka 1970 bezichtigte er Pianisten, die in der Überleitung des ersten Satzes nicht am Tempo festhalten, der Undiszipliniertheit, Trägheit und einer »Waschlappen-Mentalität«. (  10) Im 20. Jahrhundert gerieten Temposchwankungen derart in Verruf, dass man sie zuweilen selbst dort scheute, wo sie vom Komponisten vorgeschrieben sind. José Bowen zeigt das unter anderem an Interpretationen der 6. Symphonie von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky. (  11) Und sogar Vertreter der historisch informierten Aufführungspraxis sind wider besseres Wissen kaum willens oder in der Lage, in der Musik der Klassik und Romantik jenes Maß an Temposchwankungen zu realisieren, von dem nach Lage der Quellen ausgegangen werden muss. (  12) 



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Fußnoten

2. Robert Schumann,    Gesammelte Schriften über Musik und Musiker, Leipzig 1854, Bd. 1, S. 194.

3. Anton Schindler,    Biographie von Ludwig van Beethoven, Münster 1871 (4. Auflage), Bd. 2, S. 247.

4. Sofia Krastev und Matthias Haenisch, Art. ›Smart, Sir George (Thomas)‹, in:    Das Beethoven-Lexikon, hrsg. von Heinz von Loesch und Claus Raab, Laaber 2008, S. 697.

5. Rudolf Kolisch,    Tempo und Charakter in Beethovens Musik, mit einem Kommentar zur Edition und einem Nachwort von Regina Busch und David Satz, München 1992 (Musik-Konzepte 76/77).

6. Konrad Wolff,    Interpretation auf dem Klavier. Was wir von Artur Schnabel lernen, München und Zürich 1979, S. 20.

7. Richard Wagner,    Über das Dirigieren (1869), in: ders.,    Gesammelte Schriften und Dichtungen, Bd. 8, hrsg. von Wolfgang Golther, Berlin usw. o. J., S. 261–337.

8. Ebenda, S. 289 f.

9.    Die Kunst des Quartettspiels. Das Guarneri-Quartett im Gespräch mit David Blum, Kassel u. a. 1988, S. 106 f.

10. »›Appassionata‹. Mysli masterov«, in:    Sovetskaja muzyka (1970/4), S. 86.

11. José Antonio Bowen, ›Tempo, Duration, and Flexibility: Techniques in the Analysis of Performance‹, in:    The Journal of Musicological Research 16 (1996), S. 111–156, insbes. S. 137 ff.

12. Richard Taruskin, ›Resisting the Ninth‹, in:    Nineteenth-Century Music 12/3 (1988/89), S. 241–256; Wolfgang Auhagen,    Furtwänglers Tempogestaltung im Spannungsfeld zwischen Konzerttradition und Reproduktionstechnik, in:    Jahrbuch des Staatlichen Instituts für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz 2005, S. 35–51.