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3. Zur Auswahl der Stücke

Dass wir uns bei unseren Tempostudien für Werke von Ludwig van Beethoven entschieden haben, mag zum einen in der persönlichen Vorliebe und im Interesse der Autoren begründet sein, beruht zum anderen aber auf einer Reihe sachlicher Faktoren. Die Frage des Tempos hat bei der Interpretation Beethoven'scher Musik stets eine besondere Rolle gespielt (siehe dazu auch   Kapitel 1). Erstens gibt es zu einer Reihe von Werken Metronomangaben des Komponisten, die bis heute eine unerschöpfliche Quelle für Diskussionen darstellen. Allein die Literatur zu diesem Thema ist kaum zu übersehen. Zweitens ist es bei Werken Beethovens immer wieder zu stark divergierenden Tempoentscheidungen von Seiten der Interpreten gekommen. Ein besonders krasses Beispiel dafür werden auch unsere Tempomessungen zeigen. Drittens ist seit Richard Wagners Schrift    Über das Dirigieren aus dem Jahre 1869 wiederholt behauptet worden, dass bei Beethoven das Tempo besonders flexibel behandelt werden müsse, flexibler als z. B. bei Mozart (  15) – gleichfalls Anlass für wiederholte Diskussionen. Und viertens gibt es eine Reihe instruktiver Ausgaben der Klaviersonaten Beethovens von berühmten Interpreten zwischen den 1870er und den 1920er Jahren – Hans von Bülow 1873, Eugen d'Albert 1902, Frederic Lamond 1923 und Artur Schnabel 1924–1927 –, die ihren flexiblen Tempovorstellungen in differenzierten Metronomisierungen Ausdruck verliehen haben und damit ein konkretes Ausgangsmaterial für historische Tempostudien bei Beethoven bilden. Hinzu kommt eine größere Zahl weiterer Ausgaben und Werkkommentare seit Ignaz Moscheles (1838/39) und Carl Czerny (1842), die zwar keine Hinweise zu Tempomodifikationen innerhalb der Sätze geben, doch für jeden Satz der 32 Sonaten eine konkrete Metronomzahl nennen.

Dass wir uns für Klaviersonaten Beethovens entschieden haben – und nicht für Sinfonien, Streichquartette oder Violinsonaten –, liegt zum einen an diesem historischen Anknüpfungspunkt der Noteneditionen, den es für keine andere Gattung der Musik Beethovens gibt. Ferner, weil Tempomessungen größeren Umfangs unseres Wissens bisher noch nie an Klaviersonaten Beethovens vorgenommen wurden – im Unterschied zu den Sinfonien etwa. (  16) Schließlich aber auch, weil wir glaubten, dass Tempomessungen bei Werken für Klavier aufgrund des eindeutigeren Tonbeginns im Gegensatz zu Streichinstrumenten oder größeren Besetzungen leichter zu bewerkstelligen seien. Diese Annahme hat sich als Trugschluss herausgestellt: Die Markierung der Hauptzählzeiten in den virtuosen Passagen vor dem Più Allegro im Kopfsatz der Appassionata erwies sich insbesondere bei den Vorkriegsaufnahmen – aber keineswegs nur bei ihnen – als überaus schwierig, so wie gleichfalls in den erstaunlicherweise gerade in der Sonate op. 2/3 häufiger begegnenden kantablen Partien, in denen die Töne der rechten und linken Hand nicht gemeinsam angeschlagen werden und immer wieder von Fall zu Fall entschieden werden muss, welcher Ton die Zählzeit bestimmt.

Dass wir dann konkret die Klaviersonaten op. 2/3, op. 57 (Appassionata) und op. 106 (Hammerklaviersonate) ausgewählt haben, beruht darauf, dass es sich bei den drei Sonaten des ›frühen‹, ›mittleren‹ und ›späten‹ Beethoven um Werke handelt, die über einen ausgedehnten, ungefähr gleich langen, schnellen ersten Satz in Sonatenhauptsatzform verfügen – Sätze, die aufgrund ihrer Länge, aber auch spezifischen Faktur die Frage der Tempomodifikationen als relevant erscheinen ließen. Bei der Hammerklaviersonate interessierte uns dann ganz speziell auch die Frage, wie die Interpreten mit der vieldiskutierten, ja umstrittenen extrem raschen autographen Metronomangabe umgehen.



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Fußnoten

15. Wagner,    Über das Dirigieren (  wie Anm. 7).

16. Bowen, ›Tempo, Duration, and Flexibility‹ (  wie Anm. 11); Auhagen, ›Furtwänglers Tempogestaltung‹ (  wie Anm. 12); Nicholas Cook, ›The Conductor and the Theorist. Schenker and the First Movement of Beethoven's Ninth Symphony‹, in:    The Practice of Performance. Studies in Musical Interpretation, hrsg. von John Rink, Cambridge u. a. 2005, S. 105–125; Lars E. Laubhold,    Annäherung ans »Unmerkliche«. Zur Methodik der Analyse musikalischer Zeitgestaltung am Beispiel von Beethovens 5. Sinfonie, in:    Musicologica Austriatica 29 (2010), S. 71–88.