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Direktoren

Max Seiffert (1935-1941)

Max Seiffert, geboren am 9. Februar 1868 in Beeskow an der Spree, besuchte das Joachimsthalsche Gymnasium in Berlin und studierte zunächst klassische Philologie, später Musikwissenschaft bei Philipp Spitta. Im Alter von 23 Jahren wurde er mit einer Arbeit über "J. P. Sweelinck und seine direkten deutschen Schüler" promoviert. Ernannt zum ständigen Sekretär der Preußischen Denkmälerkomission, eröffnete er 1892 die Reihe "Denkmäler deutscher Tonkunst" mit einer Edition von Samuel Scheidts Tabulatura nova. In dieser und anderen Reihen erschienen unter seinem Namen bis 1943 zahlreiche weitere Editionen, darunter die zehnbändige niederländische Sweelinck-Ausgabe, Werkausgaben von Pachelbel, Krieger und Walther sowie zahlreiche praktische Ausgaben alter Musik. Seine wichtigste theoretische Schrift war die erweiterte (und umfassend umgearbeitete) Neuausgabe von Karl Friedrich Weitzmanns "Geschichte des Klavierspiels I". Von 1909 an unterrichtete er an der Akademie für Kirchen- und Schulmusik in Berlin sowie an der Akademischen Hochschule für Musik. Für seine Übungen nutzte er auch die im Hochschulgebäude befindliche "Sammlung alter Musik-Instrumente", über deren Eröffnung er bereits 1893 in der "Allgemeinen Musik-Zeitung" berichtet hatte

1912 wurde Seiffert Senator der Preußischen Akademie der Künste. In dieser Eigenschaft entwickelte er einen Plan, den er zwei Jahre später in Form einer "Kaisergeburtstagsrede" an die Öffentlichkeit brachte. Seifferts Überlegungen zu einem "Archiv für deutsche Musikgeschichte", das als "vermittelnde, zentrale Auskunftsstelle" der Musikforschung einen Generalkatalog handschriftlicher und gedruckter Musikalien, eine Instrumentenkartei, Abschriften musikrelevanter archivalischer Nachweise, ein Bildarchiv etc. enthalten sollte, deckten sich weitgehend mit den etwa gleichzeitig vorgetragenen Ideen des Bückeburger Kapellmeisters und Musikdozenten Carl August Rau für ein "Institut für musikwissenschaftliche Forschung". Dieses konnte 1917 unter der Schirmherrschaft des Fürsten Adolf zu Schaumburg-Lippe in Bückeburg eingerichtet werden; nach Raus frühem Tod 1921 übernahm Seiffert die kommissarische Leitung.

Das "Fürstliche Institut für musikwissenschaftliche Forschung zu Bückeburg" führte biographische und archivalische Kataloge, erstellte eine Photokopiensammlung seltener Werke, gab die ersten Jahrgänge der Zeitschrift "Archiv für Musikwissenschaft" heraus und versammelte auf seinen jährlichen Stiftungstagen viele der bedeutendsten Fachvertreter der Zeit. Die Entwertung des vom Fürsten gestifteten Vermögens während der Inflation sowie unzureichende staatliche Zuschüsse erzwangen 1927 die Einstellung aller Veröffentlichungen; Seiffert führte das Institut von Berlin aus notdürftig weiter.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung nahm die Einrichtung im Zeichen von Gleichschaltung und Zentralisierung einen unerwarteten Aufschwung. Das Bückeburger Institut wurde 1935 unter Seifferts Leitung nach Berlin verlegt und als "Staatliches Institut für deutsche Musikforschung" großzügig ausgebaut; ihm wurden 1936 die Instrumentensammlung der Musikhochschule und 1937 das vormalige "Archiv deutscher Volkslieder" in Berlin-Charlottenburg angeschlossen. Offenbar war Seiffert selbst die treibende Kraft hinter der Übersiedlung nach Berlin. Die Bereitwilligkeit, mit der sich die deutsche Musikwissenschaft - soweit sie nicht in die Emigration getrieben wurde - der nationalsozialistischen Protektion anheim gab, spiegelt die von Heinrich Besseler verfasste Würdigung Seifferts zu dessen siebzigstem Geburtstag, die 1938 in der Zeitschrift "Deutsche Musikkultur" erschien: Nachdem man sich in Bückeburg "Jahr für Jahr" mit dem bedrückenden Zustand habe abfinden müssen, "daß zur Erforschung fremder Kulturen aus öffentlichen Mitteln Institute unterhalten wurden, während für die Betreuung des Erbes deutscher Musik nur unzulängliche Einrichtungen und bescheidene Beihilfen zur Verfügung standen", möge es nunmehr dem Jubilar "eine stolze Befriedigung sein, seine Pläne zwar spät, aber noch mit jugendfrischer Tatkraft zu verwirklichen und damit seine Lebensarbeit einmünden zu sehen in das große Aufbauwerk des Dritten Reiches". Besseler war auch Herausgeber einer reich ausgestatteten Festschrift für Max Seiffert ("Musik und Bild", Kassel 1938).

Erst 1941 trat Seiffert, im Alter von 73 Jahren, in den Ruhestand. Er starb am 13. April 1948 in Schleswig.

Andreas Meyer