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Geschichte des SIM

Das Projekt Die Geschichte des SIMPK und seiner Vorgängerinstitutionen

Das Projekt zur Geschichte des Staatlichen Instituts für Musikforschung und seiner Vorgängerinstitutionen wurde aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) finanziert und diente der Schaffung einer dokumentarischen Grundlage zur Institutsgeschichte von 1888 bis 1945. Dieser Zeitraum umreißt die Einrichtung des Musikinstrumentenmuseums an der Königlichen Akademischen Hochschule für Musik über die Gründung des Fürstlichen Instituts für musikwissenschaftliche Forschung zu Bückeburg bis zur kriegsbedingten Stillegung des Staatlichen Instituts für deutsche Musikforschung. Mit dem Projekt leistet das SIMPK einen Beitrag zur Geschichte der Musikwissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Zwischen dem 15. Juli 2013 und dem 31. Dezember 2014 wurde das erhaltene Schrift- und Archivgut der Vorgängerinstitutionen des SIMPK gesichtet, erschlossen und digitalisiert. Dabei lag der Schwerpunkt auf den hauseigenen Beständen, aber auch Dokumente aus dem Bundesarchiv, dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz oder dem Niedersächsischen Landesarchiv fanden Berücksichtigung.

Bestand, Bestandsbearbeitung und Digitalisierung

Der Materialbestand entstammt zum größten Teil dem Verwaltungsschriftgut und den Korrespondenzen der Direktoren- und Leitungsstellen der Vorgängerinstitutionen des SIMPK mit Persönlichkeiten der Musik und Musikwissenschaft, aus Bibliotheken und Museen, dem Instrumentenbau sowie mit Privatpersonen. Außerdem enthält der Dokumentenbestand im SIMPK Sammelmaterial verschiedener Arten und Provenienzen, das weitere Einblicke in die Interessen- und Beschäftigungsfelder der Institutionen gibt.

Der historische Bestand des SIMPK kam 1992 infolge von Bestandsrückführungen aus der Staatsbibliothek zu Berlin an das Institut. Infolge kriegsbedingter Auslagerungen und der anschließenden Inbesitzhaltung durch die Sowjetunion weist der Bestand jedoch empfindliche Lücken auf. Das Erhaltene war dadurch in vielen Fällen seiner ursprünglichen sachthematischen Zusammenhänge beraubt. Während des Projekts wurden die Papiere so weit wie möglich ihrem letzten Überlieferungsstand gemäß kollationiert, nach Art einer Archivtektonik systematisiert und retrievalfähig gemacht werden. Orientierungspunkte setzten dabei die wenigen noch ursprünglich erhaltenen Akten.

Die Digitalisierung dieser Überlieferung fand wesentlich in der ersten Hälfte des Jahres 2014 statt. Die Digitalisate werden sukzessive Eingang in die    digitale Sammlung des Projektes Geschichte des SIM und seiner Vorgängereinrichtungen finden. Diese Sammlung ist eine exakte Abbildung der Archivstruktur; sie kann durch das Browsen durch Provenienz- und Sachzusammenhänge, aber auch mittels eines    Suchformulars sowie in der Datenbank    Kalliope befragt werden.

Projektteam: Falk Hartwig M.A., Lars Bannatz, Norbert Lippold

Das Projekt wurde aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

Logo Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien


Zur Geschichte des SIMPK und seiner Vorgängerinstitutionen

Falk Hartwig

Königliche Sammlung alter Musikinstrumente und Instrumentensammlung der staatlichen Hochschule für Musik

Auf Initiative Philipp Spittas und Joseph Joachims kaufte 1888 der preußische Staat 240 Objekte aus dem Musikhistorischen Museum von Paul de Wit in Leipzig. Damit war der Grundstein für die "Königliche Sammlung alter Musikinstrumente" an der Königlichen Akademischen Hochschule für Musik gelegt, die erstmals im Februar 1893 in der Bauakademie am Berliner Schinkelplatz für die Öffentlichkeit zugänglich wurde. Etwa ein halbes Jahr zuvor konnte sich Preußen auf der Internationalen Ausstellung für Musik und Theaterwesen in Wien erstmals mit einer Instrumentensammlung einem internationalen Publikum präsentieren. Zum Kustoden der Sammlung hatte Spitta Oskar Fleischer bestimmt, der 1892 einen ersten Katalog erstellte und die Sammlung bis 1919 verwaltete.

Unterdessen war die Sammlung um weitere 282 Stücke aus dem Museum de Wits, durch Erwerbungen aus dem Berliner Kunstgewerbemuseum und zahlreiche Schenkungen aus Privatbesitz angewachsen. Nicht zuletzt aus Gründen unzureichenden Platzes für die Aufstellung der Instrumente zog die Sammlung 1902 in den Neubau der Hochschule in der Fasanenstraße. Mit dem nahezu zeitgleichen Erwerb der Sammlung César Snoeck aus Gent wuchs die Berliner Sammlung jedoch schlagartig um weitere 1.145 Objekte. Die nunmehr ca. 3.000 Instrumente fanden auch in den neuen Räumlichkeiten kaum genügend Platz und mußten zu großen Teilen unter konservatorisch schlechten Bedingungen magaziniert werden.

Wenn das Museum auch überwiegend dem Sammeln und Dokumentieren von Instrumenten der abendländischen Musikgeschichte verpflichtet war, so nahmen doch auch Objekte außereuropäischer Musikkulturen ihren Platz ein. Schon Philipp Spitta und Oskar Fleischer hatten mit den ersten Ankäufen z. B. Instrumente aus Japan, China und Java in die Sammlung aufgenommen.

Ab Januar 1923 firmierte die Sammlung alter Musikinstrumente als "Instrumentensammlung der staatlichen Hochschule für Musik". Dem Vorschlag ihres Leiters Curt Sachs (1919–1933), sie "Instrumentenmuseum der Staatlichen Hochschule für Musik" zu nennen, folgten Hochschulleitung und Ministerium nicht. Sachs äußerte u. a. das Bedenken, beim Publikum stellte sich bei den Worten "alte Musikinstrumente" der "Gedanke an veralteten Trödelkram ein". Aus der die Sammlung beherbergenden Königlichen Akademischen Hochschule für Musik war bereits 1918 die Staatliche Akademische Hochschule für Musik geworden.

Das Hochschuldirektorat Hermann Kretzschmars etablierte ab etwa 1909 eine engere Anbindung des Museums an die Lehre der Musikhochschule. So wurde etwa Oskar Fleischer verpflichtet, vor Studierenden Vorträge über die historischen Instrumente und Instrumentengruppen zu halten. Unter der Leitung Georg Schünemanns begann das Museum im November 1933 seine "Musikstunden": Konzerte, vornehmlich Alter Musik, auf historischen Instrumenten aus der Sammlung, was mit Blick auf konservatorische Aspekte auch Widerspruch provozierte. Ab 1935 führte bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges Fritz Stein (1933–1945 Direktor der Musikhochschule) diese Konzertreihe mit Aufführungen im Schloß Monbijou fort. Ferner ließen die stetig zunehmenden Filmproduktionen historischer Sujets das Museum zu einer ersten Adresse für das Leihen historischer Instrumente als Requisiten werden. Das Fachpersonal des Museums wurde außerdem für instrumentenkundliche Expertisen aufgesucht – eine zusätzliche Aufgabe, die angesichts der enorm hohen Zahl derartiger Anfragen kaum zu bewältigen war.

Nachdem 1935 in Berlin das Staatliche Institut für deutsche Musikforschung gegründet worden war, wechselte 1936 das Musikinstrumentenmuseum abermals seinen Ort. Eine Ministerialentscheidung verfügte, daß es dem neuen Institut angeschlossen werde und in dessen Räumlichkeiten im Palais Creutz in der Klosterstraße zu wechseln habe. Alfons Kreichgauer war in der Nachfolge Georg Schünemanns mit der Übersiedlung des Museums betraut worden und auch dessen erster Leiter am neuen Standort.

Fürstliches Institut für musikwissenschaftliche Forschung zu Bückeburg

Am 21. Juni 1917 wurde in der schaumburg-lippischen Residenzstadt Bückeburg das "Fürstliche Institut für musikwissenschaftliche Forschung zu Bückeburg" als damals erstes und einziges außeruniversitäres musikwissenschaftliches Forschungsinstitut Deutschlands gegründet. Als Schirmherr, Stifter und oberster Kurator trat Adolf II. Fürst von Schaumburg-Lippe ein. Wesentlich auf den Weg gebracht hatte das Institut der junge Chorleiter Carl August Rau. Zum Musikbeauftragten des Hofes in Bückeburg berufen, wurde ihm stets die volle Unterstützung des Fürsten und schließlich auch das Direktoramt des Instituts zuteil. Überdies konnte Rau während seiner Planungen auf den Beistand von Persönlichkeiten wie Max Seiffert, Adolf Sandberger, Hermann Kretzschmar oder Werner Altmann zurückgreifen. So konnte das Bückeburger Institut auch bereits von Anbeginn die namhaftesten zeitgenössischen Vertreter der deutschen Musikwissenschaft als Mitglieder auf sich vereinen.

Als seine vielleicht vordringlichste Aufgabe verstand das Institut eine möglichst dichte Dokumentation der Quellen zur deutschen Musikgeschichte. So arbeitete es von Anfang an sehr eng mit den Herausgebern der Denkmäler Deutscher Tonkunst sowie der Denkmäler der Tonkunst in Bayern zusammen, wobei es besonders die Erschließung von Quellen zur Musikgeschichte deutscher Städte und Landschaften koordinierte. Weitere wesentliche Aufgaben waren eine laufende Erfassung und Auswertung musikwissenschaftlicher Arbeiten in Deutschland, die Erstellung von Leitfäden für die musikwissenschaftliche Ausbildung an den Universitäten, die Beratung des Landes Schaumburg-Lippe in musikbezogenen Fragen und eine enge Verknüpfung von Theorie und Praxis der Musik. Die Arbeit des Institutes und seiner Mitglieder manifestierte sich in einer Reihe monografischer und periodischer Publikationen. So ist die noch heute erscheinende Fachzeitschrift Archiv für Musikwissenschaft durch das Bückeburger Institut begründet worden.

Die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche und Krisen infolge des Ersten Weltkrieges stellten das Bückeburger Institut schon bald nach seiner Gründung vor zunehmende Schwierigkeiten. Adolf II. dankte im November 1918 ab und war nur noch formell Schirmherr, wodurch das Institut seiner finanziellen Grundsicherung beraubt und fortan auf Zuschüsse der Landesregierung und Dritter angewiesen war. Zudem starb 1921, gerade 31jährig, sein Gründer und Direktor Carl August Rau. Ihm folgte als kommissarischer Direktor Max Seiffert, der sich vor allem mit den rasch zunehmenden finanziellen Problemen des Instituts konfrontiert sah. Die unablässigen Bemühungen Seifferts um finanzielle Unterstützungen konnten jedoch nicht verhindern, daß das Institut ab 1927 alle Publikationen einstellen mußte und fortan nur noch sehr eingeschränkt arbeitsfähig war.

Vom endgültigen Aus bedroht, wurde 1930 mit der schaumburg-lippischen Landesregierung zunächst ein noch vorläufiger Verbleib des Instituts in Bückeburg vereinbart. Im Juli 1934 besuchte eine Delegation des Reichskultusministeriums und der Gauleitung Westfalen-Nord unter der Anwesenheit Max Seifferts und Fritz Steins (Direktor der Berliner Hochschule für Musik) das Institut in Bückeburg. Diese Evaluation ergab, daß das Institut zwar in Bückeburg keine Zukunft mehr habe, gleichwohl aber in seiner Art erhalten werden sollte. So fiel in Berlin durch Reichskultusminister Bernhard Rust die Entscheidung, das Bückeburger Institut in ein "Reichsinstitut für deutsche Musikforschung" nach Berlin zu überführen. Im Oktober 1934 übertrug Adolf II. die Befugnisse des Kurators auf Bernhard Rust und erließ eine Satzungsänderung, nach der das Institut seinen Sitz nach Berlin verlegen und "durch Vereinigung mit anderen verwandten staatlichen Einrichtungen zum Reichsinstitut für deutsche Musikforschung erweitert" werden sollte.

Staatliches Institut für deutsche Musikforschung und Staatliches Musikinstrumentenmuseum

1935 eröffnete im ehemaligen Palais Creutz in der Berliner Klosterstraße 36 das "Staatliche Institut für deutsche Musikforschung". Der letzte Direktor des Fürstlichen Instituts für musikwissenschaftliche Forschung zu Bückeburg, Max Seiffert, wechselte nahtlos in gleicher Funktion an die Berliner Wirkungsstätte. Im Zuge der staatlichen Zentralisierungs- und Rationalisierungsbestrebungen wurde 1936 zunächst das Musikinstrumentenmuseum der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik, und 1937 das Archiv deutscher Volkslieder in das Staatliche Institut für deutsche Musikforschung überführt. Das Institut bildete so drei Abteilungen: I. Historische Abteilung, II. Abteilung Volksmusik und III. Staatliches Musikinstrumentenmuseum. Jede dieser Abteilungen hatte seine eigene Leitung; der Leiter der Abteilung I war zugleich Institutsdirektor. Auf Max Seiffert (Direktor 1935–1942) folgte als Direktor Hans Albrecht, der dem Institut bis zu dessen Stillegung am 1. Januar 1945 vorstand. Die Abteilung Volksmusik leitete von 1937–38 Kurt Huber, gefolgt von Alfred Quellmalz. Das Musikinstrumentenmuseum wurde nach seiner Übersiedlung an das Institut zunächst von Alfons Kreichgauer geführt, der 1938 von Albrecht Ganse abgelöst wurde. Bedingt durch dessen frühen Tod bekam das Museum 1939 mit Hans-Heinz Dräger abermals einen neuen Leiter.

Die musikwissenschaftliche Arbeit knüpfte im Wesentlichen an die des Bückeburger Instituts an: Zentrale Standbeine waren die Quellenforschung, das Bibliografieren und Publizieren musikwissenschaftlicher Arbeiten aus dem deutschsprachigen Raum, die Erarbeitung von Editionen und Gesamtausgaben sowie die Volksmusikforschung der Abteilung II.

1935 wurde das Staatliche Institut für deutsche Musikforschung die Zentralstelle für die Ausgaben der Denkmäler Deutscher Tonkunst, die nun unter dem Titel Erbe Deutscher Musik erschienen. 1937 gab das Institut mit dem Berichtsjahr 1936 erstmals die Bibliographie des Musikschrifttums heraus. Etwa zur gleichen Zeit starteten unter der Herausgeberschaft des Instituts die Fachzeitschriften Archiv für Musikforschung und Deutsche Musikkultur. Ferner wurden durch das Institut Verzeichnisse und Bibliografien wie z. B. das Verzeichnis der Neudrucke alter Musik (1940) erarbeitet und herausgegeben und die Mitverantwortung für Editionsvorhaben übernommen. So ging z. B. noch 1943 das Institut eine Kooperation mit Rudolf Gerber vom musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Göttingen und dem Bärenreiter-Verlag zur Erarbeitung der Gesamtausgabe der Werke von Christoph Willibald Gluck ein.

Das Musikinstrumentenmuseum verzeichnete nach seiner Eingliederung in das Institut einen spürbaren Rückgang der Erwerbungen und Neuzugänge. Gleichwohl hat es seine über die bloße Ausstellung von Musikinstrumenten hinausweisende Bedeutung behalten können. Mit seinem ersten Leiter Alfons Kreichgauer hatte das Museum überdies einen starken Befürworter der "Experimentellen Musikwissenschaft" in seinen Reihen. Ferner gründete Siegfried Goslich am Museum die Vereinigung für angewandte Musikwissenschaft, welche für eine unmittelbare Anbindung der Musikwissenschaft an die alltägliche und vor allem auch durch Laien praktizierte Musik einzutreten beabsichtigte.

Die Arbeit des von nationalsozialistischen Kultur- und Wissenschaftspolitikern ausdrücklich gewollten "Reichsinstitutes" konnte auf eine nahezu uneingeschränkte Rückendeckung der Politik und großzügige Mittelausstattung rechnen, was für Musikwissenschaftler einen bisher ungekannten Komfort darstellen mußte. Die Fachvertreter, die in Deutschland blieben und ihren Karriereweg fortsetzten, nahmen dafür zumindest in Kauf, sich einem ideologischen Überbau zu unterwerfen, der auch die Musikwissenschaft als Disziplin der Entdeckung und Erweckung "völkisch-nationalen" Kulturerbes bestimmt wissen wollte. Eine solche "deutsche Musikwissenschaft" sollte darüber einen zunehmend utilitären Charakter annehmen.

In den Jahren des Zweiten Weltkrieges blieb das Institut einschließlich des Museums erstaunlich lange von einer kriegsbedingten Schließung verschont. Allerdings befanden sich bereits seit 1942 die "wichtigsten Bestände" des Musikinstrumentenmuseums in den Luftschutzräumen der Staatlichen Münze. Erst 1944 wurden die Leitung des Instituts und die musikwissenschaftlichen Abteilungen ausgelagert: Mit Ausnahme der Abteilung Volksmusik, die ihre Tätigkeit in Waischenfeld in Franken weiterführte, wurden die Bestände des Instituts nach Seifersdorf nahe Liegnitz verbracht. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch allein der letzte Direktor, Hans Albrecht, noch als wissenschaftlicher Mitarbeiter verblieben. Und erst im Dezember 1944 folgte schließlich der Erlaß, das "nicht kriegswichtige" Institut zum 1. Januar 1945 stillzulegen.